Um einen Komponisten in seinem Werk zu würdigen, zum Beispiel aus Anlass eines Jubiläums, bedarf es einer bewussten und besonderen Beschäftigung mit ihm, was vor allem heißen sollte, sein Werk nicht bloß museal zu betrachten, sondern es anzufassen, von allen Seiten zu beleuchten und im Endeffekt vielleicht in ein anderes Licht zu setzen.
Auf Musik übertragen bedeutet das, aus dem vorhandenen Notentext Ideen heraus zu destillieren, Intentionen zu entdecken, die nicht wörtlich im Schriftbild zu erkennen sind. Denn Notenschrift besitzt keinen Endgültigkeitsanspruch, sie ist vielmehr ein Kompromiss und Ausdruck einer kulturellen Entwicklung.

Es gibt verschiedene etablierte Techniken, einem Werk neue Farben und Ideen zu entlocken. Als Beispiele seien hier Hans Zenders "Winterreise", eine "komponierte Interpretation" für Kammerorchester, und Aribert Reimanns Zyklus "…oder soll es Tod bedeuten?", eine Zusammenstellung von Mendelssohn-Heine-Vertonungen mit verbindenden Intermezzi für Streichquartett, genannt.
Sei beeinflussen die Idee, den Lied-Zyklus opus 24 von Robert Schumann zu bearbeiten: Ein Streichquartett kann ideal die Stimmführung der polyphon angelegten Klavier-Begleitung nachzeichnen, verstärken und somit klarer artikulieren.

Clara Schumann pflegte bei Liederabenden (wie man diese Veranstaltungsform heute nennt) verbindende Zwischenspiele zu improvisieren. Weshalb nicht auch heute einzelne Lieder bzw. einen gesamten Konzertabend durch Intermezzi zu einem Ganzen verbinden. Die improvisierten Überleitungen entstehen aus dem Moment heraus, sind also nicht schriftlich fixiert.
"ex tempore" bezieht sich auf das Unmittelbare dieser Aufführungspraxis. Michael Gees ist im Laufe des Abends gleichzeitig ausübender Interpret und werktätiger Erfinder, auch Julian Prégardien öffnet sich im Hinblick auf Rhetorik und Artikulation dem musikalischen Material. Blickpunkt des interpretatorischen Ansatzes ist nicht nur die Tongestalt sondern gleichzeitig auch die Entwicklungsmöglichkeit einer kompositorischen Idee, und das in der absoluten Gegenwart, dem Jetzt, mit allen darauf einwirkenden Faktoren.

Es naht der 200. Geburtstag Robert Schumanns.

Ein Sänger und ein Pianist fragen sich, wie sie einen Jubiläums-Komponisten und sein Werk ins "Heute" rücken können. Man findet ein Streichquartett als kammermusikalischen Partner und beschließt, den Heine-Zyklus opus 24 gemeinsam zu bearbeiten. In Kombination mit einem "konservativen" Programmpunkt und einem improvisatorischen Teil entsteht ein abendfüllendes Programm, eine zeitgemäße und gleichsam historische Beschäftigung mit dem kammermusikalischen Werk Robert Schumanns.

Klavierquintett opus 44    [~25']
Liedgruppe "ex tempore"   [~10']

Liedgruppe "ex tempore"   [~15']
Lied-Zyklus opus 24 (Bearbeitung)   [~25']

Julian Prégardien, Tenor 
Gémeaux Quartett
Michael Gees, Klavier